Wenn Kinder zu sehr vom Erwachsenen abhängig werden

Selbstständigkeit im Sinne Maria Montessoris stärken

 

Manche Kinder suchen besonders intensiv die Nähe von Erwachsenen. Sie stellen viele Fragen, möchten ständig eingebunden sein oder brauchen immer wieder Hilfe bei Dingen, die sie eigentlich schon bewältigen könnten. Auf den ersten Blick wirkt das wie große Wissbegierde oder besondere Anhänglichkeit. Doch manchmal verbirgt sich dahinter etwas anderes: ein noch unsicher entwickelter innerer Antrieb.

 

Kinder tragen von Geburt an den Wunsch in sich, selbst tätig zu sein. Sie möchten ausprobieren, entdecken, wiederholen und aus eigenen Erfahrungen lernen. Dieser innere Bauplan, wie Maria Montessori ihn beschreibt, drängt das Kind zur Selbstständigkeit. Wird dieser Impuls jedoch immer wieder durch schnelle Hilfe, ständige Erklärungen oder dauernde Unterhaltung von außen ersetzt, kann sich allmählich eine Abhängigkeit entwickeln.

 

Das Kind beginnt zu warten – auf Impulse, auf Bestätigung, auf Lösungen. Es gewöhnt sich daran, dass der Erwachsene denkt, entscheidet und lenkt. Manchmal zeigt sich diese Abhängigkeit sogar hinter scheinbarer Wissbegierde: Ein Kind stellt eine Frage nach der anderen, hört die Antwort jedoch kaum zu Ende. Nicht die Information steht im Mittelpunkt, sondern die Beziehung. Das Gespräch wird zur Sicherung von Nähe.

 

Für uns Erwachsene ist das nicht leicht zu erkennen. Wir handeln aus Fürsorge. Wir möchten unterstützen, erklären und helfen. Doch echte Hilfe bedeutet nicht, dem Kind etwas abzunehmen, sondern ihm zuzutrauen, es selbst zu schaffen. Genau hier liegt die feine Grenze zwischen Begleiten und Übernehmen.

 

Es braucht Mut, einen Moment des Suchens auszuhalten. Es braucht Vertrauen, nicht sofort einzugreifen. Und es braucht Gelassenheit, auch einmal Langeweile stehen zu lassen. Denn oft entsteht gerade aus diesen scheinbar leeren Momenten neue Aktivität. Wenn ein Kind keinen äußeren Impuls bekommt, beginnt es, einen inneren zu entwickeln.

 

Selbstständigkeit wächst nicht durch ständige Anleitung, sondern durch eigene Erfahrung. Ein Kind, das erlebt, dass es wirksam ist, dass es Herausforderungen bewältigen kann und dass ihm etwas gelingt, entwickelt nicht nur Fähigkeiten, sondern auch Selbstvertrauen und innere Stabilität.

 

Im Montessori – Haus des Kindes verstehen wir unsere Rolle daher als achtsame Begleitung. Wir beobachten, bevor wir eingreifen. Wir helfen so viel wie nötig – und so wenig wie möglich. Wir trauen dem Kind seinen eigenen Weg zu.

 

Denn ein Kind, das aus eigener Kraft handeln darf, entwickelt Freude am Lernen und wächst Schritt für Schritt in seine Unabhängigkeit hinein.

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